Heike Walk und Nele Boehme: Globaler Widerstand

Mit Seattle und Genua ist eine Post-”Neue soziale Bewegung” in die massenmediale Betrachtung getreten. Besonders nach den gewaltttigen Ereignissen in Genua (vgl. dazu: GWR 261, September 2001) wurde ein Automatismus sichtbar: Die mediale Aufmerksamkeit die den “Globalisierungsgegnern” geschenkt wird, ist abhngig von der Hrte der Auseinandersetzung. Das vermittelte Bild wird keineswegs der widersprchlichen Vielfltigkeit dieser Bewegung(en) gerecht. So macht es Sinn sich in der Betrachtung von der Folie der massenmedialen Simplizitt zu verabschieden.

In Folge der ffentlichen Aufmerksamkeit ist eine recht umfangreiche und tiefergehende Publikationsttigkeit, insbesondere von Sammelbnden eingetreten. Einer von diesen ist “Globaler Widerstand”, herausgegeben von Heike Walk und Nele Boehme. Der in dem Buch dann doch umstrittene Untertitel lautet: “Internationale Netzwerke auf der Suche nach Alternativen im globalen Kapitalismus”. Fr Elmar Altvater (FU Berlin; “Grenzen der Globalisierung”) bedeutet dies, dass eine Alternative auerhalb des Kapitalismus nicht zur Debatte steht. Alle Aktivitten der Globalisierungskritiker und Globalisierungskritikerinnen laufen seiner Meinung nach auf ein “reformistisches Regelwerk” hinaus. Sie wollen “den kapitalistischen Kern der Globalisierung nicht erst knacken bevor die Forderungen aufgebracht und in Protestdemonstrationen in die ffentlichkeit getragen werden”.

Diese Einschtzung wird von Dieter Rucht (Bewegungsforscher aus Berlin) nicht geteilt. Er sieht die Frage, ob es um einen Widerstand im oder gegen den Kapitalismus geht, nicht geklrt. Vielmehr bezweifelt er das durch kleine Kursnderungen im neoliberalen Globalisierungsprozess den Forderungen der Kritiker und Kritikerinnen an diesem Prozess entsprochen werden kann. Des weiteren versucht Rucht ffentlich erzeugte Mythen ber die globalisierungskritische Bewegung zu entschlsseln.

Entgegengesetzte Auffassungen funktionieren auch bei der globalisierungskritischen Bewegung nicht als Spaltungslinien. Besonders in ihrer Offenheit - die hufig bemngelt wird, da mit ihr eine vielschichtige Unbestimmtheit einhergeht - liegt ihre Strke, ebenso in dem Interesse sich nicht nur mit globalen, neoliberalen Entwicklungen auseinander zu setzen, sondern auch mit sich selbst. Dies meint der Untertitel mit der “Suche nach Alternativen”. Dem kommt auch die Funktion eines Sammelbandes nach, da es nicht darum geht zu schreiben was die Globalisierungskritiker und Globalisierungskritikerinnen sind, sondern wohin sie aufbrechen mchten und an welche Bewegungen der Vergangenheit sie anknpfen knnen. Dabei klingen auch einige kritische Aspekte und Fragestellungen in der Auseinandersetzung mit der Globalisierungskritik an.

Es wird keine geschlossene Theorie prsentiert, sondern auch gegenstzliche Einschtzungen vertreten. Trotzdem bestehen die Texte nicht aus einer Diskussion unter Eingeweihten. Die Publikation bleibt offen fr Leser/innen, die sich nicht sehr intensiv mit dem globalen Protest auseinandergesetzt haben. Es ist ein gut gelungenem Brckenschlag zwischen wissenschaftlichen Mastben und der Orientierung an allgemeiner Verstndlichkeit.

Damit einhergehend werden Berhrungspunkte zwischen kritischer Wissenschaft und Aktiven der globalisierungskritischen Bewegung gefunden. Der - erst krzlich verstorbene - franzsische Soziologe Pierre Bourdieu (siehe Nachruf in: GWR 267, Mrz 2002) beschreibt wie diese Kooperation aussehen kann und vertritt vehement die Auffassung, dass Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen angesichts der drastischen gesellschaftlichen Auswirkungen neoliberaler Globalisierung nicht nur das Recht haben, sondern auch in der Pflicht stehen, sich aus ihrem “Elfenbeinturm” zu begeben. Gerade vor dem Hintergrund der zunehmenden Durchdringung der Forschungsseinrichtungen von der neoliberalen Logik, wird dieser Aspekt zunehmend relevant.

Rdchen oder Sand im Getriebe?
Die Bedeutung und Rolle kapitalismuskritischer Krfte bleibt in “Globaler Widerstand” offen. Stattdessen taucht von Walk ein - nicht nher erluterter - Zivilgesellschaftsbegriff auf. Steht er nun affirmativ im Raum, oder meint er mehr als brgerliche Partizipation? Und wie verhlt sich dieser Begriff angesichts globaler und hiesiger ungleicher Ressourcenverteilung? Ein Teil der Antworten werden von Walk zusammen mit Achim Brunnengrber in “Die Globalisierungswchter” gegeben. Dieses Buch ist vor den ffentlich beachteten weltweiten Protesten an der neoliberalen Globalisierung erschienen.

Hier wird, neben einer ausfhrlichen Darstellung der Nichtregierungsorganisationen (NGOs) in der Auseinandersetzung um die Klimapolitik, ein berblick ber den schwammig gewordenen Zivilgesellschaftsbegriff gegeben. Sie stellen fest, dass sie nicht a priori in eine bestimmte Richtung wirkt, sondern eher als Konfliktfeld zu betrachten ist, in dem konkrete Akteure wirken. Die NGOs mit ihren ambivalenten Funktionen zwischen Legitimationsbeschaffer und Opposition verdeutlichen dies. Walk und Brunnengrber sehen in den NGOs am Beispiel der Klimapolitik ein Demokratisierungspotenzial durch die Verstrkung einer “Weltffentlichkeit”. Doch weder, so ihr Resmee, reichen die Partizipationsmglichkeiten aus, noch kann eine ernsthafte Kontrolle der “vermachteten internationalen Politikprozesse” beobachtet werden.

Bei der internationalen Aushandlung der Klimapolitik wird deutlich, wie die zunehmende Komplexitt in der Auseinandersetzung Fachwissen auf Seite der Protestierenden voraussetzt. Dies schrnkt Emanzipationsmglichkeiten ein, da eine Bewegung dieser Funktion nur bedingt gerecht werden kann. Die angestrebte gesellschaftliche Vernderung kann auf dieser Ebene nicht erzwungen werden, da mit der Einbeziehung Weniger selektive Schlieungsprozesse einhergehen. Und hier kommt die allzu hufig verachtete Masse, ihre Kultur und die Medien mit ihr zu kommunizieren gegenber den ungengend demokratisch legitimierten internationalen Entscheidungsgremien wieder ins Spiel.

Heike Walk und Nele Boehme (Hrsg.): Globaler Widerstand - Internationale Netzwerke auf der Suche nach Alternativen im globalen Kapitalismus, Mnster 2002, Verlag Westflisches Dampfboot, 221 Seiten

Heike Walk und Achim Brunnengrber: Die Globalisierungswchter - NGOs und ihre transnationalen Netze im Konfliktfeld Klima, Mnster 2000, Verlag Westflisches Dampfboot, 336 Seiten

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